Waldvielfalt

Der Wald ist ein Ökosystem. Zum Erhalt seiner Funktionsfähigkeit als Ökosystem ist es notwendig, die biologische Vielfalt (Biodiversität) zu erhalten, welche drei Ebenen umfasst: Die genetische Vielfaltinnerhalb von Arten, die Vielfalt an Arten und die Vielfalt der Habitate. Dabei ist die Artenvielfalt nicht allein auf die Baumarten zu beziehen, sondern auf alle Arten, die sich dieses Ökosystem teilen, wie die zahlreichen Bodenorganismen und Insekten.

Ökosysteme mit hoher Biodiversität können sich nach Störungen in der Regel besser erholen. An einem einfachen Beispiel lässt sich dies gut demonstrieren: Fällt eine Art aus, zum Beispiel durch die Massenvermehrung eines Krankheitserregers, kann die von ihr erfüllte Nische bzw. Funktion im besten Fall durch eine andere Art ersetzt werden. Somit kann die Funktionsfähigkeit des Ökosystems erhalten bleiben. Die verheerenden Ausfälle der großen Fichtenbestände in den vergangenen Jahren durch Hitze- und Trockenstress und Borkenkäfer verdeutlichen weiterhin die Notwendigkeit der Habitatvielfalt: Sind Reinbestände einer Art nur auf kleiner Fläche vorhanden, entstehen bei Ausfall dieser Art nur kleine Freiflächen, auf denen leichter wieder ein Waldhabitat entsteht. Auf genetischer Ebene steht im Vordergrund, dass typische Artmerkmale erhalten bleiben und die Anpassungsfähigkeit durch eine möglichst große Auswahl an Genvarianten erleichtert wird. Meist ist nicht bekannt, welche intrinsische Anpassungsfähigkeit eine Art hat. So kann zum Beispiel eine Trockenresistenz möglicherweise genetisch bestimmt oder durch Gewöhnung an den Standort entwickelt sein. Für eine möglichst große Anpassungsfähigkeit einer Population ist es daher zentral, eine hohe Genvielfalt zu erhalten.

Der Klimawandel übt auf viele Arten einen negativen Einfluss aus. Eine Anpassung ist nicht in allen Fällen möglich, insbesondere wenn die klimatischen Veränderungen schnell erfolgen. Bäume sind an ihren Standort gebunden. Sie können sich im Rahmen ihrer genetischen Ausstattung oder durch epigenetische Vorgänge an Umweltbedingungen anpassen. Kommen Baumarten an die Grenzen ihrer Anpassungskapazität durch schnelle Änderungen des lokalen Klimas, werden sie geschwächt und anfälliger für Krankheiten. Auch hier spielt Vielfalt im Ökosystem eine wichtige Rolle, da zum Beispiel die Massenvermehrung einzelner Schaderreger durch vorhandene natürliche Gegenspieler vermindert werden kann.

Ökosystem Wald bereits gefährdet?

Die Jahre 2018-2020 waren geprägt von Hitze, extremer Trockenheit, Starkregen und niederschlagsarmen Wintermonaten. Drei extreme Vegetationsphasen hintereinander haben vielen Bäumen in Rheinland-Pfalz stark zugesetzt. Besonders augenscheinlich war dies bei den Fichten, die durch die extreme Witterung stark geschwächt wurden und gleichzeitig einer Massenvermehrung des Borkenkäfers ausgesetzt waren. Dadurch kam es zu massiven Ausfällen dieser Baumart.

Stark geschädigt waren aber auch andere Baumarten. Beispielsweise wurden viele Altbuchen so geschwächt, dass sie nahezu kein Laub ausbildeten. Weiterhin gab es Schäden durch Waldbrände und Windwurf. Darüber hinaus erleichtert das zunehmend wärmere Klima die Etablierung wärmeliebender Arten, die zum Teil invasives Verhalten zeigen und damit die biologische Vielfalt der Wälder reduzieren können. Bei all diesen Störungen der jüngsten Jahre hat sich der hohe Mischwaldanteil in Rheinland-Pfalz bereits als vorteilhaft erwiesen. Umgekehrt war in Gebieten mit hohem Anteil einer einzelnen Baumart das Ökosystem Wald als Ganzes gefährdet.

Waldvielfalt in Zukunft weiter unter Druck

Im Zuge des Klimawandels ist mit einer Zunahme extremer Witterungsereignisse wie lange Trockenphasen und Hitzewellen zu rechnen. Winter werden milder, sie können ggf. niederschlagsreicher werden, was stärkere Vernässung bringt, oder niederschlagsärmer, wodurch die Grundwasserneubildung weiter verringert wird. Die Waldbrandgefährdung wird in der Vegetationszeit weiter zunehmen und die Etablierung neuer wärmeliebender Arten ist wahrscheinlich. Somit ist zu erwarten, dass unsere Waldökosysteme im zukünftigen Klimawandel noch stärker unter Druck gesetzt werden, weshalb dem Erhalt einer größtmöglichen Vielfalt eine zentrale Rolle zukommt.